Kletterst du schon oder steigst du noch

Die letzten zwei Tage zusammenzufassen ist gar nicht leicht, weil einfach soviel passiert ist.

Wir checkten aus und wurden vom Hostelbesitzer gefragt, was wir als nächstes vorhätten. Als wir mit der Besteigung vom Fuji antworteten, sprang er wie von der Hornisse gestochen auf und rief, dass er das Auto hole und uns zur Station fahre. Wir sparten also schon einmal einem enormen Kraftakt und wieder zeigt sich wie enorm hilfsbereit Japaner sind.

Dann ging es stehend im Bus zur 5. Bergstation. Dort gab es schon kein Wasser mehr zum Spülen auf der Toilette, sondern Schaum, der aus der Schüssel zu quellen droht – das war die erste witzige Toilettenerfahrung, eine weitere sollte noch folgen.

Wir deckten uns mit Handschuhen und Mütze ein und begannen unsere Tour. Erst ging es bergab und wir befürchteten schon, den falschen Weg erwischt zu haben. Doch schon nach kurzer Zeit begannen wir bergauf zu gehen und erreichten nach wenigen Minuten die sechste Station. Aussicht hatten wir leider keine, da die Wolken bis hoch zogen und jeden Blick auf Tal und Berg versperrten.

Nun ging es aber auch schon los mit Steigung und Mühen. Die erste Wegpartie zog sich in Serpentinen den Berg hoch. Allerdings lief man die ganze Zeit auf Geröll, sodass man nur beschwerlich vorankam. Zusätzlich war es noch tierisch warm und wir in kürzester Zeit klatschnass. Nach einigen Höhenmetern und mehreren Kilometern Weg, könnten wir uns zur Stärkung erst einmal Cupnudeln. Die vorbeiziehenden Menschen grüßten mittlerweile schon freundlich, weil man sich gegenseitig schon unzählige Male überholt hat.

Die nächsten Passagen wurden dann schon schwieriger, den jetzt musste man an den Lavabrocken hochklettern, um voranzukommen. Immer wieder bewunderte ich die älteren Menschen, die auf jeder Höhe gut mithalten konnten.

Es schien ein schier unendlicher Weg aus Serpentinen und Kletterpassagen und wir spürten, wie die Kraft in den Beinen nachließ. Doch pünktlich 5 Stunden später, so wie es auch im Internet beschrieben wurde, erreichten wir gegen 15.30 unsere Berghütte und checkten ein. Wir bekamen gesagt, dass 2.30 geweckt wird und Punkt 3.00 nachts dann der Aufstieg zum Gipfel beginnt.

Der obere und somit unser Schlafsaal bestand aus zwei Reihen Doppelbetten. In jedem Bett schliefen dicht an dicht gedrängt, so dass die Schlafsäcke nicht einmal nebeneinander sonder teilweise übereinander lagen, 30 Leute, sodass insgesamt in unseren Raum etwa 120 Menschen schliefen.

Ein weiteres Highlight waren die Toiletten! Die waren nur durch eine Schranke und gegen Einwurf von 200 Yen zu betreten. Das ist ziemlich teuer, aber hier auf dem Berg Einheitspreis.

Hatte man dann bei den vielen „Besuchern“ auch von außerhalb unseres Hotels, einmal das große Glück, in eine der drei Kabinen zu treten, stutzte man erst einmal ob der Bedienung: Spülung gab es auf dieser Höhe nicht, also hing an der Wand der Kabine eine an einen Schlauch angeschlossene Pistole und zielte wie auf dem Schießstand auf eine Luke in der Schüssel. Ich hatte lange nicht mehr so viel Gaudi auf einer Toilette.

Pünktlich um 16.00 waren wir mit der ersten Riege mit Abendbrotessen dran. An unserem Tisch saß noch eine Schweizerin, die unseren Weg schon seit dem Bahnhof immer wieder gekreuzt hatte und drei junge Japaner. Wir hatten mehr als 2 Stunden angeregte Gespräche und wahnsinnig viel zu lachen.

Gegen 19.00 versuchte sich jeder in seinen Schlafsack zu schälen, ohne dabei auf seinen Nebenmann zu treten. Für 120 Leute war es, bis auf zwei, drei Schnarcher und einen Nieser ziemlich ruhig. Trotzdem schlief ich nur sehr unruhig und war dann gegen 1.00, als sich vor dem Haus schon Massen zu versammeln schienen hellwach. Wir standen also auf, zogen uns warm an und begannen 2.30 den Aufstieg. Wir starten zu dritt mit der schweizer Fraktion – oder sollte ich besser schreiben zu tausend? Denn so viele Lichte von den Helmlampen schlängelten sich den Berg hinauf. Dabei konnte man höchstens 5 Schritte vor den anderen setzen und stand dann wieder 10 Sekunden. Bald schon half es nicht mehr nur zu steigen, sondern man ging wieder ins klettern über. Das ist bei den Massen, die sich hochschieben gar nicht einfach. Wir fühlten uns aber sicher und nutzten jede Lücke, um schneller nach vorn zu kommen. Dies ging bevorzugt, wenn man den Weg am Abgrund nahm. Bald trennte sich die Spreu vom Weizen und die eine Hälfte lief etwas zügiger zum Gipfel, während die andere sich mit Sauerstoffflaschen an den Rand setzte oder legte und pausierte.

So schafften wir es wieder genau im Limit von 90 Minuten nach oben, hätten aber auch keinen Meter weiter gehen wollen.

Wir suchten uns einen windgeschützten Platz und warteten fast noch eine ganze Stunde, in der sich die Massen weiter den Berg hochschoben, bis die Sonne endlich durch die Wolken brach und wir nun wussten, wofür die Mühen waren.

Nach einer halben Stunde beschlossen wir weiter zu gehen und den Krater zu umrunden, das wir bis auf die Knochen durchgefroren waren und nur noch zitterten. Auch jetzt war es ein ständiges Auf und Ab von steilen Passagen. An manchen Stellen konnten sich die Menschen nicht mehr halten und rutschten auf dem Rücken den Berg runter, kamen aber vor dem Rand, der nach unten führte zum Stehen.

Nach einer weiteren Stunde Kraterumrundung, aßen wir noch mit Blick auf die Stadt unter uns unsere vom Hotel gestellten Bentoboxen, die stark an Katzenfutter erinnerten (Fleischstücken in Gelee aus einem Quetschbeutel).

Dann starteten wir den Abstieg und hatten keine Ahnung, dass der Aufstieg von gestern dagegen ein Klacks gewesen war.

In unzähligen Serpentinen, wohl aber über 100, ging es drei Stunden lang, ohne Pause, auf steilen Geröllwegen nach unten. Ich hab irgendwann aufgehört zu zählen, wie viele Leute hinfielen.

Als wir absolut fertig waren, die Knie schmerzten und die Lust auf weitere steile Geröllhänge verloren war, lasen wir auf der Karte, dass wir gerade erst einmal die Hälfte geschafft hatten. Dann war auch der letzte Funken Motivation dahin und wir hätten am liebsten die Segel gestrichen. Aber eine Alternative als weitergehen gab es nicht. Etwas Mut machte dann das Überholen vierer Deutscher, die in normalen Turnschuhen und fast auf allen Vieren den Hang in Schneckentempo hinunterkrochen und selbst dabei noch fielen.

Die Freude, endlich wieder bei der 5. Station angekommen zu sein und mit dem Bus Richtung Bahnhof zu fahren, war unbeschreiblich. Meine Knie zittern jetzt noch, wegen der Belastung. Nichtsdestotrotz möchte ich die Erfahrung nicht missen – kein zweites Mal machen, aber nicht missen.

Am Abend machten wir nochmal die Electric Town Akihabrar in Tokyo unsicher und fanden ein Lokal, in dem man gut und mordsmäßig günstig essen konnte.

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